Begegnung mit Lutz van Dijk an der Realschule am Stoppenberg, Essen, von R. Schlagböhmer Wer kennt schon Lutz van Dijk und das Buch „Township Blues“? Was macht nun die Faszination dieses Buches aus? Die Themen der Jugendlichen Viele Querverbindungen zu anderen Fachbereichen Die SchülerInnen lernen dieses Buch und schließlich auch Lutz van Dijk kennen Die Lesung - das Highlight Die Eindrücke der SchülerInnen Die Lesung - die Begegnung mit Lutz van Dijk - war für die Schule ein großer Gewinn.
Wer kennt schon Lutz van Dijk? Als mich im Februar meine Beratungslehrerkollegin anrief, ob unsere Schule nicht Lutz van Dijk zur Lesung "Township Blues" einladen wolle, war mir dieser Name noch sehr unbekannt. Vorsichtig fragte ich mich mit einer gewissen Scham bei meinen Deutschkollegen durch, die diesen Autor und dessen Bücher ebenfalls kaum kannten. Nach genauerer Anfrage bei der Kutur-koordination „EXILE“, die die Autorenlesereise organisierte, informierte mich Frau Lerari ausführlich und unterstützte mich bei meiner Entschei-dung. So konnte ich trotz der Bedenken, ob die Schauplätze, die in der Geschichte vorkommen, z.B. der Kontinent Afrika, bzw. die Region Südafrika die SchülerInnen anspricht, schnell dieser Autorenlesung zustimmen, da das im Buch vorherrschende Thema "Angst vor Aids" als eine immer wieder aktuelle Problematik gerade für unsere SchülerInnen dieser Altersstufe hochinteressant ist. Die SV- Sprecherin, die ich in das Vorhaben einbezog - die Lesung sollte für die SchülerInnen der Klassen 9 und 10 auf freiwilliger Basis stattfinden - freute sich sofort riesig, denn sie kannte "Township Blues" und lieh mir ihr Buch. Township Blues begeisterte mich ebenfalls sofort außerordentlich, sodass ich neben der Lesung zugleich den Text als Unterrichtslektüre für eine 9. Klasse einplante. Kopfschmerzen bereitete mir der Preis von 12 Euro für das gebundene Buch. Lektüren sind im Allgemeinen billiger. (Mittlerweile erscheint Township Blues als Taschenbuch zu einem angemessenen "Lektürepreis" ) Was macht nun die Faszination dieses Buches aus? Den bisher in den Medien bekannt gewordenen Beurteilungen kann ich mich anschließen, wenn es da heißt: Lutz van Dijk schrieb "ein Plädoyer für Toleranz, Mut und Gerechtigkeit". Das Buch "beschönigt nichts, Gewalt, Armut, überarbeitete Mütter, miserable Schulen werden dem Leser offen näher gebracht". "Auf bewegende und überzeugende Weise wird für Toleranz geworben", das Buch sei „ eine Warnung vor der Bagatellisierung oder Verdrängung von Aids - auch in Europa". Vollkommen zustimmen kann ich der Aussage, die in der WAZ vom 13.11.01 zu lesen war: "Das Buch bringt mit viel Einfühlungsvermögen dem Leser diese Wirklichkeit ( das katastrophale Ausmaß von Aids) in Südafrika sehr nahe. Es ist ein Buch gegen die Isolation von Infizierten,... Van Dijk kam es darauf an zu zeigen, dass das Leben weiter geht, wie das Mädchen in der Not dennoch ihr Leben meistert". Der übersetzte Titel der englischsprachigen Ausgabe lautet:" Stärker als der Sturm". So erlebte ich und auch die SchülerInnen Thinasonke, die durch ihre Art der Erzählung, eine Rückblende, ihre Geschichte der Angst und deren Überwindung erzählt. Sie zieht den Leser in ihren Bann und reißt ihn durch ihre starke Persönlichkeit mit. Die Dramatik des Geschehens erfährt durch eine lebendige, dem Jugendlichen entgegenkommende Sprache, eine große Dichte. Eine Identifikation mit ihrer Person, mit ihren Gedanken und Gefühlen gelingt sofort. Die Wirklichkeitsnähe und Authentizität der Geschichte intensiviert die faszinierenden Eindrücke der einzelnen Szenen und Ereignisse. Eine Schülerin schrieb später: “ Thina lernt ihr eigenes Leben anzunehmen und zu leben. Ich wünschte, Thina könnte mir ein bisschen von ihrem Mut und ihrem Vertrauen abgeben!“ Die Themen der Jugendlichen, ihre eigenen Probleme, z.B. erwachsener und selbstständiger zu werden, sind in diesem Buch enthalten und sprechen die Schüler an. Weitere Themenkreise finden die SchülerInnen selbst schnell heraus. Es geht nicht nur um das übergreifende und höchst anspruchsvolle Thema, durch die Infektion mit dem HIV-Virus unheilbar krank zu werden und möglicherweise viel zu schnell sterben zu müssen, vielmehr geht es um Themengebiete wie Freundschaft, Partner-schaft, Liebe, Sexualität - Leben, auch mit Konflikten, in der Familie - Tradition und Religion - Gewalt und Kriminalität - Diskriminierung, Apartheid - Sinn von Schulbildung, Stärkung des Selbstbewusstseins - Selbstachtung - Toleranz . Viele Querverbindungen zu anderen Fachbereichen lassen sich aus der Fülle dieser Themenkreise ziehen. Wenige Beispiele, die sich auch als Schülerreferate ausbauen ließen, sind: Erdkunde: Kapstadt- nur eine Reiseziel? Eine - Welt? – Entwicklungshilfe? SoWi – Politik - Geschichte: Apartheid – Schulbildung – Jugendgangs – Jugendgesetze – Strafrecht - Arbeitsrecht, Kultur-Tradition, Eine - Welt etc. Biologie: Aids - eine unheilbare Krankheit? Religion: Liebe, Partnerschaft –Tod, Leben nach dem Tod - Aids - Umgang mit Kranken, Sterbenden - Glück - Sinn des Lebens - andere Religionen - Glaube - Aberglaube - Eine - Welt etc. Da ich in der Klasse auch Religionsunterricht erteile, haben wir im Zusammenhang mit der Lektüre ein breites Spektrum dieser Fragen erarbeiten können. Die SchülerInnen brachten immer wieder neu ein großes Interesse mit und orientierten sich am Schicksal von Thinasonke. Die SchülerInnen lernen dieses Buch und schließlich auch Lutz van Dijk kennen Die Schülerinnen entschieden sich bei der Auswahl einer Lektüre, so war z.B. noch „ Die Welle“ von M.Rhue in der näheren Vorauswahl, trotz des "hohen" Preises, "Township Blues" zu lesen. Was war das für eine Überraschung, als jeder sein Buch in der Hand hielt: die Schüler hörten überhaupt nicht mehr auf meine Anweisungen, es entstand eine entspannte und zugleich konzentrierte Stille, von der jeder Lehrer nur träumt: die SchülerInnen lasen und wirkten wie abgetaucht. Dieses Phänomen blieb, selbst Eltern gaben mir folgende Rückmeldung: "Was haben Sie denn mit meinem Sohn gemacht? Der liest ja!!“ Die SchülerInnen waren spontan begeistert und arbeiteten auch in den weiteren Wochen interessiert und sehr eigenständig. Ein Schüler, der immer einige Probleme im Fach Deutsch hatte, schrieb später in seiner Abschlussarbeit: "Dieses Buch finde ich sehr interessant, obwohl es am Anfang eher langweilig wirkte. Je mehr man liest, desto spannender wird es, man möchte es am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen." Ein leistungsstärkerer Schüler kommentierte: “Das Buch ist sehr ehrlich geschrieben, damit meine ich, dass L.v.D. das Elend in und um die Townships sehr genau und gut beschrieben hat. Er führt den Leser in ein Südafrika, das in keinem Reisekatalog steht. So zeigt er die seelischen Abgründe der Hauptpersonen, aber auch die Abgründe in und um Kapstadt. Dem Leser wird Stück für Stück das wahre Gesicht Südafrikas gezeigt. Da das Buch auf realen Begebenheiten basiert, ist es viel interessanter als eine frei erfundene Geschichte. Die Sprache und der Erzählstil ist gelungen, da es kein Hochdeutsch, aber auch nicht zuviel Umgangssprache ist. Das Einbringen von Sätzen in der afrikanischen Sprache unterstreicht die Stimmung im Buch. Lutz van Dijk hat in seinem sehr lesenswerten Buch, das ohne Frage einen Preis verdient hat, auf eine gute und spannende Weise auf die Nöte, Ängste und Träume der Jugendlichen in Südafrika aufmerksam gemacht“. Eine Schülerin weist auf die Eindrücke einer „anderen Welt“ hin, indem sie schreibt: “ Das Buch ist sehr spannend, da man auch viel darüber lernen kann, wie es ist in anderen Teilen der Erde zu leben. In Guguletu herrscht sehr viel Angst, Armut und Kriminalität. Was da beschrieben wird, ist von unserer Lebensart so ganz anders. Wir leben im Wohlstand und die Menschen dort haben fast nichts. Ich finde es aber lobenswert, wie sie es schaffen, damit umzugehen…“ Die Lesung - das Highlight Zunächst hatte ich aus pädagogischen Gründen die Lektüre des Buches n a c h der Lesung einsetzen wollen. Da die Lesung aber in den Juni verschoben wurde, mussten wir aus zeitlichen Gründen mit der Lektüre des Buches beginnen. Es sollte zum Abschluss noch eine Klassenarbeit erfolgen. So war zum Zeitpunkt der Lesung „den Lesewütigen“ der Inhalt bekannt, was im Nachhinein die Begegnung mit Lutz van Dijk um vieles reicher machte. Die SV-Sprecherin hatte in den 9. und 10.Klassen geworben, die Zuhörerzahl musste wegen der sehr großen Zahl der freiwilligen Teilnehmer auf die SchülerInnen der 9. Klassen begrenzt werden. Die „Lektüre - Klasse“ nahm geschlossen teil. Die Eindrücke der SchülerInnen Eine Schülerin schreibt über ihre Eindrücke: “ Als wir dann endlich ein Treffen mit Lutz van Dijk vereinbart hatten, waren die meisten von uns schon mit dem Buch fertig, Viele von uns waren von Thinas Geschichte sehr beeindruckt und so waren wir gespannt darauf, mit Herrn van Dijk über Thina, Aids, das Leben in Südafrika und über HOKISA, eine von ihm und anderen Menschen gegründete Stiftung für Kinder, die ihre Eltern durch Aids verloren haben, zu sprechen. Neben unserer Klasse waren auch noch einige Leute aus der Parallelklasse dabei, Herr van Dijk fing schnell an zu erzählen, über sein Leben, das Leben in Afrika und erklärte uns viele allgemeine Fragen zu Aids. Er war sehr lebhaft und mitreißend und wir konnten ihn nicht einmal dazu bewegen sich hinzusetzen. …“ Die SV- Sprecherin verfasste folgenden Bericht: „Nachdem wir im Deutschunterricht das Buch“ Township Blues“ gelesen hatten, beschäftigten wir uns immer mehr mit dem darin vorkommenden Thema Aids und mit dem daraus resultierenden Tod. Bis jetzt war uns noch nicht klar gewesen, dass hinter diesem Buch eine wahre Geschichte steckte. Die Erzählung der 14-Jährigen und nach einer Vergewaltigung mit Aids infizierten Thina berührte uns alle sofort. Von diesem Zeitpunkt an wollten wir den Mann treffen, der das Talent hat, Jugendliche in der heutigen Zeit noch mit Büchern so in seinen Bann zu ziehen….Gespannt warteten wir auf den Tag der Lesung. Nach einer anfänglichen Zurückhaltung blühte Herr van Dijk sehr schnell auf und wir sahen ihn nicht weiter als einen großen Buchautor, sondern als „Freund“. … Wir “klebten“ praktisch an seinen Lippen, die so Unglaubliches über Aids und die Situation in Südafrika berichteten…. Fragen über Fragen häuften sich, Herr van Dijk war bemüht, allen Schülern gerecht zu werden. Seine Geschichten haben uns nachdenklich gestimmt und wir fragen uns immer noch, wie es Thina wohl heute … in diesem Moment, in dieser Sekunde geht, was sie macht, denkt und was sie fühlt….Abschließend können wir uns nur noch einmal ganz herzlich bei Herrn van Dijk und seiner Begleitung, Frau Lerari, bedanken! Die Türen unserer Schule werden mit Sicherheit immer für sie offen stehen. Wir hoffen, sie werden weiterhin mit soviel Kraft und Hingabe die Welt ein bisschen besser machen!“ Zwei weitere Schülerinnen schrieben:“…Lutz van Dijk erzählte seine Lebensgeschichte und war dabei sehr offen und ehrlich. Durch das klare und freundliche Beantworten von Fragen baute er viel Sympathie zu uns Schülern auf. Alle waren sie von diesem Mann begeistert, von seiner Fürsorge für die aidskranken Kinder und für sein Engagement, ihnen das Leben noch zu verbessern. Lutz van Dijk hat uns alle in seinen Bann gezogen. Er ist ein gutes Vorbild für alle, Begeisterung pur! Und ein Kompliment für das, was er tut und aufgebaut hat!!“ Zwei Jungen stellten fest: „ Lutz van Dijk ist ein offener Mensch und wir finden es gut, was er in seinem Leben für die Kinder geleistet hat, die eigentlich kaum noch Hoffnung besaßen. ….Er ist ein sehr einfühlsamer Mensch, der den Kindern die fehlende Liebe vermittelt. In seinen Filmen sieht man, dass er sich intensiv um die Kinder kümmert, dass er wie ein zweiter Vater für sie ist…. Lutz van Dijk ist ein Mensch, der in vielen Townships in Südafrika sehr willkommen ist, da er dort alle Personen respektiert und keinen verachtet.“ Ähnlich klingt es aus folgendem Text eines Jungen: „Lutz van Dijk macht einen verantwortungsbewussten, offenen und starken Eindruck. Schon bei der Lektüre spürt man, dass van Dijk weiß, wovon er schreibt. Er setzt alles daran, Menschen, denen es nicht gut geht, zu helfen. Er bringt ihnen bei, wie sie selbst mit dem Leben weiter machen können. Er ist sozusagen die Starthilfe auf der Reise ins Leben… Er ist wie ein Vater für die Kinder in dem Haus HOKISA, Das Wichtigste ist aber wohl, dass er seine Arbeit gerne macht.“ Die Lesung - die Begegnung mit Lutz van Dijk - war für die Schule ein großer Gewinn. Lutz van Dijk war durch seine Offenheit und Aufgeschlossenheit nicht nur ein Modell eines sympathischen Vaters für die Schüler, sondern auch eines verständnisvollen, bewundernswerten Freundes; er besitzt durch seine zugewandte, freundliche und lebendige Ausstrahlung eine Vorbildfunktion. Betroffen waren die Schüler von der großartigen Hilfe in HOKISA. Ein Junge berichtete, er habe sofort von zu Hause aus Geld gespendet. Eine Schülerin möchte gerne in Kapstadt mithelfen und ein Praktikum absolvieren. Die SV plant, weiteren Kontakt zu Lutz van Dijk und seinem Projekt zu behalten und es angemessen zu unterstützen. Sowohl die SchülerInnen als auch die LehrerInnen waren von seinem Auftreten begeistert. In Briefen, die SchülerInnen spontan formuliert haben, wird dieses begeisternde „Ereignis“ deutlich: Sehr geehrter Herr van Dijk, ich hoffe, Sie sind wieder sicher in Südafrika gelandet. Ihr Besuch hat bei uns sehr viel Aufsehen erregt und wir reden immer noch viel über diesen Tag. Ich stelle mir immer wieder die Frage, wie ein Mensch nur soviel Mut haben kann, um in einem völlig fremden Land etwas so Großes zu leisten…“ oder in einem anderen Brief heißt es: “Ihr Besuch bei uns war wirklich „erfahrungsreich“, Unsere Klasse unterhält sich noch seit Wochen über Ihren Besuch. Wir fragen uns, wie man in einem fremden Land so etwas Bedeutungsvolles aufbauen kann. Ohne Ihr Selbstbewusstsein, Ihren Ehrgeiz und Ihre Hoffnungen hätten Sie dies alles nicht auf die Beine bringen können. Wir bewundern Sie dafür. … Einfach für das, was Sie in Ihrem Leben erreicht haben. Sie können wirklich stolz darauf sein, auf Ihr Werk! ... Sie denken nicht nur an Ihre eigenen Wünsche, sondern an die Wünsche Ihrer aufgenommenen Kinder. Viele hier denken nur an sich und an ihr eigenes Glück…. Sie sind einfach ein gutes Vorbild für uns!! Dieser Begeisterung der Schüler kann ich mich nur anschließen und nichts mehr hinzufügen. Selbst die abschließende Deutscharbeit hat den SchülerInnen trotz des Leistungsdrucks noch einen gewissen „Spaß“ gemacht. Mit den Themen, z.B. Charakteristik der Hauptpersonen, ein Brief an Thina, eine Buchbesprechung u.ä. konnten sich die SchülerInnen gut auseinandersetzen und sie hatten auch den entsprechenden Erfolg. Ich freue mich schon darauf, mit der nächsten 9. Klasse in dieses Projekt “Lutz van Dijk“ einzusteigen. Ideal erscheint mir die Kombination: Lesen und Erarbeiten des Buches “Township Blues“ mit anschließendem direkten Kontakt zum Leben versprühenden Autor! An dieser Stelle kann ich nur abschließend „EXILE“ meinen herzlichen Dank aussprechen für die Initiierung und Organisation der wunderbaren Begegnung mit Lutz van Dijk! Auch dem Kulturbüro der Stadt Essen gehört ein Dank, das uns bei der Finanzierung der Autorenlesung unterstützt hat. |