PRAXISBEISPIELE
 

A SCHOOL GOES ETHNO
Bertha-von-Suttner-Gymnasium Oberhausen, von Barbara Wortman-Hahn

Der Schulalltag eines Schulmusikers, so engagiert und praxisorientiert letzterer auch sein mag, führt nicht nur zu abgespeckten Formen des Musizierens, sondern es zeigen sich mit den Jahren auch klare Kompetenz-Grenzen, die einer authentischen Praxiserfahrung außerhalb des gewohnten Schulmusiker-Repertoires entgegenwirken.

So ging es auch mir als Musiklehrerin des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums in Oberhausen. Nachdem das musik-pädagogische Spektrum sämtlicher netter und praktikabler Musizierstücke durchgenudelt war, kam ich an einen Punkt, an dem ich zugeben musste, dass ich den Schülern sogenannte „Außereuropäische Musik“ und somit Musik anderer Kulturen nicht authentisch vermitteln kann. Die Schülerklientel des „Bertha“ ist zudem aus den unterschiedlichsten Nationalitäten zusammengesetzt. Erfahrungsgemäß sind Lernerfahrungen am ehesten möglich, wenn sie an den Lebenswelten der SchülerInnen anknüpfen. Zudem postulieren die Richtlinien für Gymnasien in NRW, Sekundarstufe I, ausdrücklich die Einbeziehung von Liedern aus anderen Kulturen in das schulinterne Curriculum. Damit plagte mich auf verschiedenen Ebenen die Notwendigkeit, mich mit dieser Musik auseinander zu setzen.

In dieser „Misere“ kam mir im Jahr 1999 „SCHOOL GOES ETHNO“ im Rahmen des Projektes „Kulturen der Welt“ gerade richtig. In einem mit „Exile“ abgesprochenen Zeitraum von vier Tagen wurden von Musikern unterschiedlicher Nationalität vier Workshops für unterschiedliche Altersstufen, 5. Jg und 9.Jg, mit dem Schwerpunkt „Orientalische Musik – Singen und Tanzen“ durchgeführt.

Der organisatorische Rahmen war von mir als Einzelperson leicht zu bewältigen. Mir schien es günstig, einen großen Raum wie die Aula zur Verfügung zu stellen, in der nicht nur im großen Kreis gemeinsam auf außereuropäischen Originalinstrumenten musiziert, sondern auch türkische und persische Lieder gesungen und auch getanzt werden konnte. Die Bühne war in diesem Fall hilfreich, einstudierte Phasen anschließend unter Aufführungsbedingungen zu präsentieren. Die Klassen mussten von ihrem regulären Unterricht jeweils für zwei Stunden befreit werden.

Die Resonanz der Schüler war umwerfend. Zunächst begegneten viele Schüler dem ungewohnten türkischen Gesang mit Unsicherheit und Zaghaftigkeit; da die Musiker aber in ihrer Authentizität eine solche Überzeugungskraft ausübten, fielen schnell sämtliche Hemmungen von den Schülern ab; sie entwickelten eine regelrechte Sensibilität gegenüber dieser ihnen doch fremden Musik.

Für mich als Lehrerin hat sich eine Chance geboten, die eigenen verkrusteten Rollenklischees aufzuweichen, indem ich mich bewusst auf die andere Seite, sprich Schülerseite gestellt habe. Den Schülern wurde deutlich, dass Lehrer nicht allwissend bzw. in diesem Fall „allkönnend“ sind und ehrlich ihre Grenzen zugeben können. Darüber hat sich eine spürbare Nähe zu meinen Schülern entwickelt.

Das „Highlight“ und den krönenden Abschluss dieser Workshopreihe bildete ein Konzert der Gruppe „Lame Bora“, das im Rahmen unseres Schul- und Förderfestes stattfand. Unter Beteiligung der Klassen, die an den Workshops teilgenommen hatten, aber auch mit Einbeziehung des gesamten Publikums wurde der Abend wie ein „buntes Volksfest“ gefeiert. Ein breites Publikum aus Schulleitung, Lehrern, Angehörigen und Schülern war anwesend und konnte die Ergebnisse dieses Projektes erleben und vor allem an den Erlebnissen der beteiligten Schüler teilhaben. So wurde die Veranstaltung ein Riesenerfolg!

Ein erneutes Angebot der „Exile-Kulturkoordination“ nahm ich ein Jahr später gerne an und konnte an unserer Schule drei Workshops mit anschließendem Konzert, diesmal mit dem Schwerpunkt „Afrikanische Musik – Percussion und Tanz“ anbieten. Auch Oberstufenkurse wurden miteinbezogen, da auch für die gymnasiale Oberstufe in NRW das Thema “Außereuropäische Musik“ durch die Richtlinien vorgegeben ist.

Es war faszinierend, die Begeisterung der Schüler im Umgang mit Originalinstrumenten und im unmittelbaren Kontakt mit den Musikern mitzu-erleben. Wichtig war für die Schüler die Erfahrung der Schwierigkeiten bei der Umsetzung der afrikanischen Rhythmen und Bewegungen beim afrikanischen Tanz und diese zu akzeptieren. Die Schüler merkten sehr schnell, dass sie die afrikanische Musik zwar aktiv nach-vollziehen können, aber nicht so authentisch praktizieren können, wie es von dem afrikanischen Musiker und Tänzer vorgemacht wurde. Die beteiligten Schüler entwickel-ten so eine Art „Achtung“ gegenüber dieser Musik und den Fähigkeiten der Musiker.

Auch jetzt noch im Jahre 2003 begegnen mir Schüler, die vor vier Jahren an dem Projekt teilgenommen haben, und bestätigen mir, dass sie sich hinsichtlich ihres schulischen Musikunterrichtes genau an diese musikalische Erfahrung erinnern können. Es freut mich heute, nach vier Jahren, auf den Schulfluren immer noch die türkischen und persischen Lieder zu hören...

Mit diesen Erfahrungen plädiere ich grundsätzlich, aber vor allem im Bereich der Schulmusik für die Öffnung von Schule, für die Verknüpfung mit dem außerschulischen kulturellen Leben und für die Integration von „Experten“ im Rahmen von außerunterrichtlichen Projekten.

Barbara Wortmann-Hahn